Streifzug #2: Im Zeichen des Wandels

Morgentau im Moor

Noch ist der Sommer nicht vorüber, da macht sich draußen etwas bemerkbar. Die Natur beginnt, ihr Gesicht zu verändern. Langsam, beinahe beiläufig. So, dass ich gar nicht genau sagen könnte, wann und wo es eigentlich begonnen hat. Bis zu diesem einen Morgen, an dem plötzlich alles zusammenpasst: Die Luft ist frisch, der Boden feucht. Und es riecht anders – nach Herbst.

Der zweite Streifzug führt zu ganz unterschiedlichen Beobachtungen: zum Blaukehlchen, das sich bereits auf den Weg in den Süden gemacht hat, ins Moor, wo der Herbst Einzug hält, und zu den Heidschnucken in der Lüneburger Heide. Schließlich geht es an den Gartenteich, wo der Anblick einer Amsel eine kleine Erkenntnis bereithält.

Die Streifzüge sind für mich ein Anlass, genauer hinzuschauen und festzuhalten, was mir begegnet und auffällt. Mal ist es eine Tierbeobachtung, mal eine Landschaft, die plötzlich anders wirkt, und manchmal etwas ganz Alltägliches, das einen Gedanken oder eine Frage aufwirft. Schön, dass du mitkommst und vielleicht ja deinen Blick mit mir gemeinsam schärfst.

Feldnotizen: Das Blaukehlchen

Letztes Mal habe ich hier den Neuntöter vorgestellt und bereits ein paar Tage nach der Veröffentlichung des ersten Streifzugs auf meiner Moorrunde kaum noch welche entdeckt. Heute geht es um einen anderen Singvogel, der ebenfalls bereits auf dem Weg in die Winterquartiere ist: das Blaukehlchen. Viele von ihnen haben ihre Brutgebiete bereits verlassen und werden erst im kommenden Frühjahr zurückkehren. Ich konnte dieses Jahr einige Blaukehlchen beobachten und bin fasziniert von ihrer Schönheit. Deshalb möchte ich ein paar dieser Eindrücke mit dir teilen. Für mich gehören sie definitiv zu den beeindruckendsten heimischen Arten.

In Europa gibt es zwei Varianten von ihnen: das Weißsternige Blaukehlchen, das wir in Deutschlands meistens sehen, und das Rotsternige, das vor allem in Skandinavien vorkommt. Sie haben auf ihrer blauen Kehle also entweder einen weißen oder einen roten Fleck. Außerhalb der Balzzeit sind die Vögel eher unauffällig und halten sich am Boden oder im Schilf auf. Sie bevorzugen feuchte Lebensräume wie Moore, Feuchtwiesen und Uferzonen von Gewässern. Wenn sie singen, hat man allerdings gute Chancen, sie zu entdecken: Sie nutzen oft exponierte Schilfspitzen, Zweige oder Gräser als Singwarte. Ihr Gesang ist vielseitig, und die Männchen bauen auch Imitationen anderer Vogelarten und sogar Umweltgeräusche mit ein.

Blaukehlchen auf Zweig
Singendes Blaukehlchen
Blaukehlchen-Weibchen
Leichte Blaufärbung beim Weibchen
Blaukehlchen mit Beute
Das Männchen bringt Futter
Blaukehlchen im Moor
Hier sieht man die rote Unterseite der Schwanzfedern gut
Blaukehlchen im Sand
Begegnung auf dem Weg

Blaukehlchen sind typische Bodenjäger und fressen vor allem Insekten und kleine Wirbellose. Ihre Jagdtechnik ist recht auffällig: Sie hüpfen flink am Boden oder im flachen Wasser entlang und stoppen immer wieder ruckartig, ehe sie nach der Beute schnappen. So bin ich schon einige Male bereits aus der Ferne auf sie aufmerksam geworden. Ihre Nester bauen sie meist direkt am Boden, gut versteckt im Wurzelwerk oder in dichtem Röhricht. In der Brutzeit verwandelte sich ein Teil meiner Moorstrecke in eine richtige „Blaukehlchen-Straße“: Ich konnte sowohl Männchen als auch Weibchen bei der emsigen Futtersuche für den Nachwuchs beobachten.

Im Prachtkleid sind vor allem die Männchen eindeutig zu erkennen – ihre leuchtend blaue Kehle ist einmalig bei unseren heimischen Vögeln. Darunter zeigt sich ein schwarzes und rostrotes Band im Gefieder, das Rot taucht auch am Schwanzansatz auf. Die Weibchen haben oft nur feine Blautöne oder angedeutete dunkle Flecken am Hals. Nachdem ich einmal herausgefunden hatte, welche Büsche die hübschen Vögel hier gerne als Ansitze nutzen, tauchten sie einige Wochen lang an den gleichen Stellen auf. So konnte ich sie immer wieder beobachten – und über jede Begegnung habe ich mich wirklich gefreut.

Im Gelände: Der Herbst zieht langsam ins Moor ein

Seit einigen Jahren gehe ich im Moor in meiner Nähe immer wieder dieselben Wege, kenne manche Runden inzwischen auswendig. Deshalb fallen mir auch kleine Veränderungen sofort auf. Gerade die Zeit zwischen Spätsommer und Herbst fühlt sich besonders an. Ich mag es, dass jeder Spaziergang ein wenig anders aussieht als der davor. Die Landschaft verändert sich nach und nach – und mit ihr die Tiere, die sich darin aufhalten. Bei uns in Norddeutschland sind die sehr heißen Tage vorüber, immer öfter gibt es wieder Regenschauer oder Sturm.

Die Wiesen sind gemäht, das frische Grün der Sträucher und Hecken wird matter. Die Birken zeigen erste gelbe Blätter. Plötzlich stehen Pilze am Wegesrand. Die bunten Blüten des Sommers schwinden langsam, dafür reifen Brombeeren und Hagebutten, Eicheln und Haselnüsse. Ist es tagsüber warm, gaukeln noch immer Schmetterlinge und Libellen durch die Luft, doch nicht mehr so zahlreich wie zuvor. Morgens sehe ich glitzernden Tau auf den Gräsern, dazwischen Spinnennetze. Die Sonne steht niedriger, die Schatten werden länger. Es wird ruhiger und ich freue mich sehr auf das Herbstlicht und die warmen Farben, die sich hier bald ausbreiten werden.

Die ersten gelben Birkenblätter
Die ersten Birkenblätter färben sich
Parasol auf der Wiese
Auch die ersten Pilze tauchen auf

Von unterwegs: Im Jahr der Heidschnucken

Auch die Heideblüte ist inzwischen in ihren letzten Zügen, nur einige Flächen in der Lüneburger Heide zeigen bis heute ein intensives Lila bzw. Rosa. Als ich vor zwei Wochen bei Egestorf wandern war, stand die Heide allerdings noch in voller Blüte und es war ein wahrer Wandertraum. Ich hatte das Glück, auch einer Heidschnuckenherde zu begegnen. Ein guter Anlass, einmal genauer hinzuschauen, was diese alte Schafrasse eigentlich mit der Landschaft verbindet. Denn sie ist aus der Region nicht wegzudenken und wird hier tatsächlich schon seit dem Mittelalter von den Heidebauern gehalten. Neben ihrer Wolle war auch ihr Dung für den Ackerbau wichtig.

2026 haben die Vereinten Nationen zum Themenjahr der Hirten und Weidelandschaften erklärt. Passend dazu ist bei uns die Graue Gehörnte Heidschnucke im Team mit dem Altdeutschen Hütehund die gefährdete Nutztierrasse des Jahres. Heute sind die Heidschnucken vor allem vierbeinige Landschaftspfleger. Dabei „pflegen“ sie nicht nur das Heidekraut: Die Heide ist eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft und wird gezielt offen gehalten. Ohne den stetigen Verbiss der Schnucken, die gerne auch an jungen Gehölzen knabbern, würde die Lüneburger Heide innerhalb weniger Jahre verbuschen und wieder zum Wald werden.

Heidschnuckenherde
Die Herde "schnökert" sich durch die Heide
Heidschnucken in der Heide
Graue Gehörnte Heidschnucke

Das selektive Fressen der Schafe – oder auch „Schnökern“, „Naschen“ – sorgt dafür, dass eine Art Landschaftsmosaik aus unterschiedlich hoher Vegetation und offenen Sandböden entsteht. Das schafft nicht nur die idealen Voraussetzungen für die Besenheide, sondern bietet auch spezialisierten Pflanzen und Tieren wie bestimmten Insekten- und Vogelarten einen einzigartigen Lebensraum. Und ganz nebenbei helfen die Heidschnucken sogar den Bienen: Beim Durchqueren der Flächen zerreißen sie bodennahe Spinnenweben und verhindern so, dass sich Honig- und Wildbienen bei der Nahrungssuche massenhaft in den Netzen verfangen.

Heideblüte
Heideblüten
Heidschnucke
Die Schafe pflügen durch die Büsche
Ziege unter Heidschnucken
Auch Ziegen gehören zur Herde

Fundstück: Zerzauste Vögel am Gartenteich

Seit wir unseren Mini-Gartenteich in einer Schubkarre gebaut haben, beobachte ich in den letzten Wochen gerne, wer dort alles vorbeischaut. Neben Rotkehlchen und Meisen ist mir dabei immer wieder eine bestimmte Amsel aufgefallen: Sie kommt fast täglich vorbei und badet. Dabei wirkt sie besonders zerzaust. Ihr Kopf sieht recht kahl aus und das nasse Gefieder verstärkt den Eindruck noch. Was zunächst ungewöhnlich erscheint, hat allerdings einen ganz natürlichen Hintergrund: Viele Vögel sehen gerade etwas „zerrupft“ aus, denn nach der Brutzeit sind sie mitten in der Mauser und erneuern ihr Federkleid.

Wie Haare und Fingernägel bestehen Federn aus Keratin, das nicht repariert werden kann. Alte und abgenutzte Federn fallen aus und neue wachsen nach. Die meisten Singvögel bleiben dabei flugfähig, da die großen Schwungfedern nach und nach ersetzt werden. Bei einigen Wasservögeln, Enten und Gänsen fallen hingegen alle gleichzeitig aus, sodass sie mehrere Wochen nicht fliegen, aber weiter schwimmen können. Diese Zeit verbringen sie an möglichst geschützten Plätzen. Das ist übrigens auch der Grund dafür, dass im Moment gefühlt alle Stockentenerpel „verschwunden“ sind: In der Mauser sehen sie den Weibchen sehr ähnlich.

Heideblüte

STREIFZÜGE abonnieren?

Wenn du keinen Streifzug verpassen möchtest, schicke ich dir gerne alle paar Wochen die neue Ausgabe direkt ins Postfach. Kostenlos und jederzeit wieder abbestellbar.

Kein Spam. Mit der Anmeldung stimmst du dem Versand der Streifzüge zu. Mehr Informationen findest du in der Datenschutzerklärung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert