Streifzug #3: Zwischentöne zum Herbstanfang

Herbstliche Zeichen: Spinnennetz im Moor

Der Herbst ist da. Zumindest laut Kalender – und auch draußen sind seine Spuren längst zu sehen. Zwischen letzten Heideblüten und ersten kräftigen Herbstfarben, zwischen Aufbruch und Ernte gibt es zahlreiche Übergänge zu entdecken. Der dritte Streifzug folgt diesen Zwischentönen und dem, was sichtbar wird, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen.

Diesmal geht es wieder hinaus in die Heide und ins Pietzmoor, wo sich gerade die Farben ändern. Wir lernen den Zilpzalp kennen, der kurz vor dem Herbstzug noch einmal besonders sichtbar wird. Im Alten Land dreht sich alles um die Apfelernte – mit dabei ist auch ein Rezept für Apfel-Zimt-Marmelade zum Nachkochen. Und manchmal braucht es für einen Streifzug nicht mehr als eine Bushaltestelle und zwei Schnecken, um die Langsamkeit wiederzuentdecken.

Für mich sind die Streifzüge kleine Unterbrechungen vom Alltag. Sie halten fest, was mir draußen begegnet, mich neugierig macht oder für einen Moment innehalten lässt. Mal ist das eine Landschaft, mal ein Tier und dann wieder etwas Unerwartetes. Nicht alles davon ist spektakulär, manches bleibt aber gerade deshalb im Kopf. Schön, dass du mich heute ein Stück begleitest.

Im Gelände: Die ersten Herbstfarben

Zwei Wochen sind seit meinem letzten Streifzug vergangen und nicht nur der Kalender sagt inzwischen ganz offiziell „Herbst“, die Landschaft zeigt es auch. In der Lüneburger Heide rund um Wilsede fallen mir die Kontraste besonders auf. Während die letzten Heideblüten noch einzelne violette Farbtupfer setzen, breiten sich die warmen Rostrot- und Brauntöne aus. Das reicht von roten Hagebutten an den Sträuchern bis hin zu den charakteristischen Fliegenpilzen. Sie stehen plötzlich mitten in der Heide, direkt am Rand des Wanderwegs oder auf den Moosflächen im Wald. Einige sind groß, ihr Hut zart Orangerot, bedeckt mit weißen Schuppen. Andere klein, aber in so leuchtendem Alarmrot, dass ich sie schon von Weitem erspähe.

Auch im Pietzmoor bei Schneverdingen verändert sich das Farbspiel. Die Blätter der Birken stehen mitten im Übergang von Grün zu Gelb, das Goldgelb der Gräser wird noch intensiver. Und auch hier sprießen neben den Wegen plötzlich zahlreiche Pilze aus dem Boden. Dabei dominieren Ocker- und helle bis dunkle Brauntöne: Birkenpilze, Milchlinge und verschiedene Röhrlinge, soweit ich sie laienhaft zuordnen kann. Noch ist das Grün nicht verschwunden und gerade dieses Nebeneinander der Farben macht den Wandel für mich so sichtbar.

Fliegenpilz
Fliegenpilz in der Heide
Pietzmoor
Im Pietzmoor
Hagebutten
Hagebutten in großen Mengen

Feldnotizen: Der Zilpzalp

Aktuell kann ich im Garten jeden Tag einen unscheinbaren kleinen Vogel hören und beobachten. Wenn der Zilpzalp – oder Weidenlaubsänger – im März bei uns eintrifft, läutet er mit seinem rhythmischen Gesang für mich immer den Frühling ein. Dabei trällert er seinen Namen: Wer das eingängige „Zilp-Zalp-Zilp-Zalp“ einmal gehört hat, wird es überall wiedererkennen. Im Englischen passt der lautmalerische Name „Chiffchaff“ übrigens ebenso gut. Sein Gesang dient vor allem der Revierabgrenzung, im Herbst hört man dagegen häufiger seine Kontakt- und Lockrufe.

Jetzt lässt sich der kleine Vogel auch besser entdecken. Während er sich sonst oft im dichten Blattwerk bewegt und dort kaum auffällt, wird das Laub allmählich lichter. Bei der Insektenjagd kann man ihn dann zwischen den Zweigen beobachten – auffällig sind dabei seine Flattersprünge und der Rüttelflug, wodurch er manchmal geradezu hektisch wirkt. Als Kurzstreckenzieher zieht er im Herbst meist Richtung Mittelmeerraum und legt dafür zuvor Energiereserven an. Gleichzeitig sind jetzt auch Zilpzalpe aus nördlicheren Brutgebieten unterwegs, die bei uns Rast machen.

Zilpzalp im Garten
Zilpzalp auf Insektensuche
Zilpzalp an der Gartentränke
Zu Besuch an der Vogeltränke
Zilpzalp beim Baden
Zeit für ein Bad im Teich

Mit etwa 10-11 cm Körperlänge und nur wenigen Gramm Gewicht ist der Zilpzalp ein erstaunlich kleiner und leichter Vogel. Und ein typischer „KBV“, wie Vogelbegeisterte es nennen: ein kleiner brauner Vogel, den man im ersten Moment oft nicht zuordnen kann. Sein Federkleid ist olivbraun und gelb-beige, dazu kommt ein heller Augenstreif. Optisch ist er kaum von der Zwillingsart, dem Fitis, zu unterscheiden. Etwas dunklere Beine und ein dunkler Schnabel können bei der Bestimmung helfen – am zuverlässigsten ist aber der Gesang.

Von unterwegs: Zur Apfelernte ins Alte Land

Das Alte Land ist eines der größten zusammenhängenden Obstanbaugebiete Europas. Die Kulturlandschaft erstreckt sich über etwa 170 m² in Niedersachsen bis nach Hamburg. Ein Ausflug hierher lohnt sich das ganze Jahr: im Frühling, wenn die Obstbäume blühen; im Sommer, wenn Beeren- und Kirschenzeit ist; und natürlich jetzt im Herbst, zur Haupterntezeit der Äpfel. Viele der Obsthöfe bieten aktuell u.a. im Rahmen der Altländer Apfelwochen noch bis Oktober ein buntes Programm an, darunter Hofführungen, Verkostungen und Obst zum Selbstpflücken. Letzteres kann ich dir sehr empfehlen.

Wir haben dieses Jahr zum ersten Mal einen eigenen Patenbaum auf dem Herzapfelhof Lühs. An einem der Bäumchen der Sorte Red Topaz mit einer ganz bestimmten Nummer hängt unser Namensschild. Im Sommer haben wir den Baum bereits besucht, um zu schauen, wie weit die Äpfel sind. Seit Mitte September ist nun Erntezeit für unsere Sorte und so haben wir uns erneut aufgemacht. 10 kg Bioäpfel gehören zu unserer Patenschaft und ich kann dir sagen, die eigene Ernte schmeckt wirklich besonders gut. Ausgestattet mit einem großen Karton, einem Handwagen und Lageplan zogen wir los, um unsere Äpfel zu ernten.

Der Vorteil: Unterwegs durften wir auch die anderen Apfelsorten probieren, die hier wachsen. Sollte „dein“ Baum nicht genügend Früchte tragen oder wenn du einfach Lust auf eine Mischung hast, kannst du nämlich auch an anderen freien Bäumen dazupflücken. Unsere persönlichen Favoriten: Red Topaz (süß und leicht säuerlich, herrlich aromatisch und saftig), Wellant (ein wenig säuerlich, intensiver Geschmack) und Royal Jonagold (ausgewogen süß-säuerlich, schön erfrischend). Die Neuentdeckung dieses Jahr: Lucy Glo, fein säuerlich und mit tiefrotem Fruchtfleisch. Überraschung beim Aufschneiden!

Wer die Äpfel nicht selbst pflücken möchte, hat natürlich auch in den Hofläden eine große Auswahl. Ein Streifzug durch die Plantagen lohnt sich aber sehr und ist auch in der Gruppe oder mit Kindern ein tolles Erlebnis. Ich mag daran besonders, dass man etwas über den Anbau erfährt und sich vor Ort ganz nebenbei mit der regionalen Erzeugung unserer Lebensmittel beschäftigt. Danach bietet sich ein Abstecher ins Hofcafé an. Statt allerdings dort Kuchen zu essen, haben wir ihn zu Hause selbst gebacken. Und andere bewährte und neue Gerichte ausprobiert: klassisch gab es Apfelkompott und Apfel-Zimt-Marmelade (so gut, das Rezept findest du unten). Neu war die Kartoffel-Apfel-Suppe mit Dill, auch sehr lecker.

Äpfel zum Selbstpflücken
Pflücken an "unserem" Baum
Apfelkisten im Hofladen
Kistenweise Äpfel
Apfelsorten probieren
Wir probieren uns durch die Sorten

Rezept: Apfel-Zimt-Marmelade

  • 1,5 kg Äpfel
  • 500 g Gelierzucker 2:1
  • Ca. 150 ml naturtrüber Apfelsaft
  • Ca. 100 ml Wasser
  • Zimtstangen und Zimtpulver nach Belieben

Falls du auch Marmelade kochen magst:
Die Äpfel schälen, entkernen und in kleine (etwa 1 cm große) Würfel schneiden. Mit dem Wasser und den Zimtstangen in einen großen Topf geben und unter Rühren aufkochen, bis die Äpfel weich sind. Wir haben das Ganze nicht püriert, um Stückchen zu behalten. Den Apfelsaft und danach den Gelierzucker hinzufügen. Die Zimtstangen wieder herausnehmen, dafür nach Belieben Zimtpulver ergänzen und erneut aufkochen. Schließlich die Gelierprobe machen und die Masse heiß in saubere Gläser abfüllen. Schnell arbeiten, die Gläser sofort verschließen und ein paar Minuten auf dem Kopf stehen lassen.

Nebenbei: Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Zum Schluss möchte ich noch ein Erlebnis mit dir teilen: Neulich musste ich 40 Minuten auf einen Bus warten. Das war erst mal nervig. Ich setzte mich in das Wartehäuschen an der Straße und scrollte auf meinem Smartphone herum – was man eben macht, wenn man wartet. Da es in dem Häuschen allerdings etwas dunkel war, stellte ich mich doch lieber nach draußen in die Sonne. Auf einer Mauer neben der Haltestelle entdeckte ich eine kleine Schnecke. Sie bewegte sich langsam, aber stetig. Ich war so fasziniert von ihr, dass ich erst nach mehreren Minuten die zweite Schnecke bemerkte, die nur ein paar Zentimeter weiter unterwegs war.

Diese langsame Fortbewegung stimmte mich nachdenklich. Mit Fahrzeugen können wir heute in kürzester Zeit weite Strecken zurücklegen, sind außerdem ständig beschäftigt und oft im Stress. Und wenn gerade nichts passiert, sorgt das Handy für Ablenkung. Ich habe manchmal das Gefühl, dass mir der Alltag zu schnell wird – und gleichzeitig, dass ich Lebenszeit verschwende, wenn ich mal nichts mache. Social Media verstärkt diesen Eindruck, obwohl ich weiß, dass ich dort immer nur einen winzigen Einblick in andere Leben sehe.

Letztendlich habe ich an diesem Morgen eine halbe Stunde damit verbracht, die beiden Schnecken auf der Mauer zu beobachten und ihren Weg zu verfolgen, bis der Bus schließlich kam. Diese Erfahrung war so unspektakulär wie schön. Und eröffnete einen neuen Blickwinkel: Wäre es nicht viel eher eine Verschwendung gewesen, das beim Handyscrollen zu verpassen?

Vielleicht ist genau das die Langsamkeit, die mir im Alltag manchmal fehlt: nicht immer etwas tun zu müssen, sondern auch mal einfach da zu sein und zu beobachten. Bei meinen Streifzügen gelingt mir das meist ganz selbstverständlich, im Alltag vergesse ich es dagegen öfter. Der Herbst mit seinen ruhigeren Tagen ist doch eine gute Gelegenheit, mir wieder bewusst etwas mehr Zeit dafür zu nehmen. Möglicherweise geht es dir ja ähnlich.

Heideblüte

STREIFZÜGE abonnieren?

Wenn du keinen Streifzug verpassen möchtest, schicke ich dir gerne alle paar Wochen die neue Ausgabe direkt ins Postfach. Kostenlos und jederzeit wieder abbestellbar.

Kein Spam. Mit der Anmeldung stimmst du dem Versand der Streifzüge zu. Mehr Informationen findest du in der Datenschutzerklärung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert