Streifzug #4: Vom Entdecken und Bewahren

Kürbispyramide

Was haben eine unscheinbare Heckenbraunelle, ein gemeinsamer Arbeitseinsatz in der Heide und Menschen, die stundenlang Vögel beobachten, gemeinsam? Sie alle zeigen auf ihre ganz eigene Weise, was die Natur für uns bereithält – sei es die Neugier auf das Unbekannte, die Freude am Draußensein oder auch die Sorge um das, was verloren geht.

Wenn sich Kürbisse zu Pyramiden türmen, so wie auf dem Kürbishof in der Nähe, und die Vorratsgläser sich füllen, ist es richtig Herbst. In diesem vierten Streifzug „entkusseln“ wir die Fischbeker Heide, begegnen der Heckenbraunelle, die jetzt wieder häufiger zu sehen ist, und blicken auf unseren Acker, wo die Saison langsam ausklingt. Außerdem führt ein Kinobesuch zu „Watching People Watching Birds“: einem Film über Leidenschaft, berührende Geschichten und eine Welt, die sich verändert – mit dramatischen Folgen für die Artenvielfalt.

Auf meinen Streifzügen nehme ich dich mit zu Erlebnissen und Beobachtungen direkt vor der Haustür oder an Orten, die ich gerade erst gefunden habe. Manchmal wird daraus ein Bericht, dann wieder eine Erkenntnis oder sogar eine Inspiration. Und auch für persönliche Gedanken ist hier Platz. Ich möchte zeigen, wie vielfältig die Natur ist und wie unterschiedlich wir ihr auch im Alltag begegnen können.

Im Gelände: Heidepflege durch "Entkusseln"

Ent… was? Als Kulturlandschaft müssen die Heideflächen der Lüneburger Heide kontinuierlich gepflegt werden. Neben den Heidschnucken sind dabei Freiwillige gefragt. Denn ohne Pflege würden sich nach und nach wieder Bäume und Sträucher ausbreiten und die lichtliebenden Heidepflanzen verdrängen. Vor allem junge Kiefern und Birken, sogenannte Kusseln, werden deshalb gezielt entfernt. Ab Herbst rufen Organisationen und Vereine zum gemeinsamen „Entkusseln“ auf. Den Auftakt in der Fischbeker Heide machte Ende September eine Gemeinschaftsaktion der Loki Schmidt Stiftung und der SDW (Schutzgemeinschaft Deutscher Wald) Hamburg.

Die Fischbeker Heide vor dem Entkusseln
Die Fläche vor der Aktion
Entkusseln der Heide
Entnahme der jungen Bäume
Die Fischbeker Heide nach dem Entkusseln
So sah es nach dem Entkusseln aus

Bei spätsommerlichem Wetter zog unsere Gruppe mit rund 20 motivierten Helferinnen und Helfern los. Ausgestattet mit Arbeitshandschuhen, Astscheren und Sägen ging es zu der uns zugeteilten Fläche, um sie von bereits etwas größeren Bäumchen zu befreien. Nach rund zwei Stunden hatten wir einen beachtlichen Haufen zusammengetragen – und damit einen Beitrag zum Erhalt der offenen Heideflächen geleistet. Wer selbst mal mit anpacken möchte, findet bei den genannten Vereinen, beim NABU oder VNP (Verein Naturschutzpark) weitere Informationen. Auch am Naturpark-Tag am 14. November gibt es in der Region zahlreiche Mitmachaktionen.

Feldnotizen: Die Heckenbraunelle

Neben dem Zilpzalp beobachte ich im Moment wieder eine weitere Vogelart in meinem Garten, die ich im Frühling und Sommer kaum zu Gesicht bekomme: die Heckenbraunelle. Optisch ähnelt sie ein wenig dem Haussperling – Kopf und Brust sind grau, Rücken und Flügel braun. Besonders auffällig ist ihr feiner, spitzer „Pinzettenschnabel“, der sie von Spatzen und Finken unterscheidet. Sie hält sich gerne in dichten Hecken und im Unterholz auf. Häufig kann man sie auch in Parks oder naturnahen Gärten beobachten. Genau wie der Zilpzalp verschwand die Heckenbraunelle allerdings in den letzten Monaten meist im Gebüsch.

Im Frühling und Sommer stehen vor allem Kleintiere und Insekten auf ihrem Speiseplan, im Herbst und Winter ergänzen Samen und Beeren die Nahrung. Während einige Heckenbraunellen das ganze Jahr über bei uns bleiben, ziehen andere im Herbst Richtung Südwesteuropa. In meinem Garten könnten sich inzwischen auch Artgenossen aus nördlicheren Brutgebieten aufhalten, die hier rasten oder überwintern. Ob heimisch oder auf der Durchreise: Sie alle nutzen gerne das Wasserangebot und kommen regelmäßig zum Trinken und Baden vorbei.

Neben ihrem hohen, melodischen Gesang, der im Frühling als fast trillernder Reviergesang zu hören ist, fallen mir jetzt besonders die durchringenden Warnrufe auf. Spannend ist auch ihr ungewöhnliches Paarungsverhalten: Neben monogamen Partnerschaften gibt es Konstellationen, bei denen sich ein Weibchen mit mehreren Männchen oder ein Männchen mit mehreren Weibchen fortpflanzt. Manchmal leben und brüten sogar mehrere Weibchen und Männchen gemeinsam. Je nach Zusammensetzung der Gruppe beteiligen sich auch mehrere Männchen an der Jungenaufzucht.

Vom Acker: Jetzt geht's ans Eingemachte

Was war das für ein Tomatenjahr! Eine solche Flut hatte ich bei Weitem nicht erwartet. Nachdem wir im letzten Jahr leider Pech hatten und die meisten Tomatenpflanzen von Braunfäule befallen waren, haben wir dieses Jahr ein paar mehr gepflanzt – in der Hoffnung, dass wenigstens einige durchkommen. Wer hätte gedacht, dass wir von Juli bis Ende September durchgehend mit Tomaten überhäuft werden? Letzte Woche haben wir die letzten geerntet. Bei dieser Menge war Einmachen das Mittel der Wahl: Neben selbst gemachter Tomatensauce haben wir auch die letzten grünen Exemplare noch verarbeitet und daraus Chutney gekocht.

Erntekorb mit Spitzkohl und Tomaten
Die letzten Tomaten, Auberginen und Spitzkohl
Einmachgläser mit Tomatensauce
Leckere Tomatensauce

Und während die Erträge allmählich kleiner werden, wachsen die Vorräte. Denn auch sonst ist das Einmachen gerade eine häufige Freizeitbeschäftigung. Nach unserer großen Apfelernte im Alten Land, von der ich letztes Mal berichtet habe, ging es bereits in die zweite Runde des Apfelkompott-Kochens. Außerdem ist auch bei uns natürlich Kürbiszeit. Für eine Pyramide reichte es zwar nicht, aber es gab einige schöne Hokkaido- und Butternutkürbisse und so standen zuletzt unter anderem gefüllter Kürbis, Kürbislasagne und Ofenkürbis auf dem Speiseplan. Zudem gab es eigenen Mais, Rote Bete und Auberginen. Langsam neigt sich die Gartensaison damit dem Ende zu, auf dem Feld wachsen jetzt vor allem noch Kohl und Pastinaken.

Nebenbei: "Watching People Watching Birds" – Filmtipp

Wie der Titel „Watching People Watching Birds“ verspricht, begleitet der Dokumentarfilm Menschen, die gerne Vögel beobachten. Davon gibt es immer mehr, Birdwatching liegt voll im Trend. Einige von ihnen und ihre persönlichen Geschichten lernen wir in diesem Film kennen. Man könnte meinen, er richte sich vor allem an Vogelinteressierte. Denn ja, hier und da mutet er durchaus ein wenig „nerdig“ an – auf humorvolle Art. Dennoch geht es gar nicht so sehr um die Vögel, sondern vielmehr um die Menschen, die sich für sie einsetzen. Und rückt höchst brisante Themen in den Fokus, die uns alle betreffen.

Reichtum gegen Geld getauscht

Vögel sind stark bedroht, die Artenvielfalt geht dramatisch zurück. Einige der Menschen im Film beobachten seit Jahrzehnten Vögel und erleben diese Entwicklung hautnah mit. Sie sehen, wie sich Landschaften verändern, wenn es immer weniger Insekten gibt, von denen auch die Vögel leben. Sie berichten, wie es sich anfühlt, wenn wir auf die von moderner Landwirtschaft geprägten Flächen blicken und feststellen müssen, dass wir den früheren Artenreichtum „gegen Geld getauscht“ haben. Wenn einzelne Arten uns die brandaktuellen Probleme unseres Planeten vor Augen führen, lässt das einen nicht kalt – und wirkt auch bei mir nach.

Basstölpel
Im Film geht es auch nach Helgoland zu den Basstölpeln
Basstölpel mit Jungtier
In ihre Nester verbaute Plastikfasern bedrohen die Vögel

Die Klimakrise, das Artensterben, die Eingriffe des Menschen in Ökosysteme und ihre zahlreichen Folgen weltweit: Beim Blick durch Fernglas und Spektiv sehen wir nicht einfach nur gefiederte Freunde. Es drängt sich auch die Frage auf, wie wir eigentlich mit unserer Heimat umgehen. Die Filmemacher:innen Ulrike Franke und Michael Loeken waren diese Woche im Hamburger Abaton-Kino zu Gast, um sich nach der Vorstellung mit dem Publikum auszutauschen. Eine Zuschauerin brachte es auf den Punkt: Es gehe gar nicht nur um die Vögel oder darum, dass es den Tieren besser geht. Sondern auch uns Menschen.

Darüber hinaus überzeugt der Film durch liebevolle Details und taucht ein in die kleinen Momente. Zeigt die Vogelbeobachterin, die vor Rührung weint, als sie mit ihrer Gruppe einen riesigen Kiebitzschwarm entdeckt. Den Ornithologen, der sich statt für bunte Paradiesvögel schlicht für Möwen begeistert. Die Bäckereiverkäuferin, die erzählt, sie habe schon einmal Kund:innen im Laden stehen lassen, weil sie draußen Kraniche hörte – und dann gemeinsam mit ihnen in den Himmel geschaut. Der Film verdeutlicht beeindruckend einfühlsam, wie viel die Vögel uns Menschen geben können. Und führt zu einer Erkenntnis, die nicht nur Ulrike Franke gehabt haben dürfte: Hat man ihre Schönheit einmal erkannt, lernt man sie lieben.

„Watching People Watching Birds“ läuft seit dem 1. Oktober bundesweit in über 70 Kinos.

Heideblüte

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