Streifzug #5: Herbst in Bewegung

Spinnennetz in der Heide

Der Herbst ist keine Jahreszeit des Stillstands. Überall ist etwas in Bewegung, manches kaum sichtbar, anderes kaum zu übersehen. Vertrautes verändert sich, Neues taucht auf und zwischen Abschied und Neubeginn liegen diese Momente, in denen es sich lohnt, einfach kurz stehenzubleiben und genauer hinzuschauen. Denn so beginnt manchmal ein neuer Blick auf die Welt.

In diesem Streifzug blicken wir in die mittlerweile sehr herbstliche Heide, zu geselligen Gänsen und auf eine kleine Auszeit ans Wasser. Außerdem erzähle ich von tierischen Mitbewohnern, denen ich lange lieber aus dem Weg gegangen bin. Es geht um kleine Entdeckungen, besondere Momente und darum, was passiert, wenn wir uns auf etwas Neues einlassen.

Die Streifzüge sind meine Einladung, ein Stück Natur mit mir zu erleben – draußen unterwegs, auf bekannten und neuen Wegen und immer mit offenem Ausgang. Hier sammle ich Eindrücke, halte Begegnungen fest und teile Geschichten, die dabei entstehen.

Im Gelände: Herbstliche Heidelandschaft

In der Lüneburger Heide zeigt sich der Herbst von seiner schönsten Seite. Die Birken leuchten in der Sonne, die Spechte trommeln an den Bäumen und sammeln Zapfen und auch die Eichelhäher verstecken fleißig ihre Wintervorräte. Momentan begleiten lautstarke Rufe und Geschnatter meine Streifzüge. Ein Blick in den Himmel zeigt Schwärme von Gänsen und Kranichen, die in den charakteristischen V-Formationen vorüberziehen. Durch diese Fluganordnung sparen die Vögel nachweislich Energie, da die Nachfolger den Auftrieb der Flügelbewegungen vorausfliegender Tiere nutzen. Ein stiller Gruß nach oben, gute Reise euch allen.

Mit dem wechselnden Wetter von strahlendem Sonnenschein bis zu stürmischem Regen variiert die Stimmung. Natürlich liebe ich die herrlichen Tage, an denen die Landschaft in Gold getaucht scheint. Doch ich mag auch die regnerischen, die für mich genauso zum Herbst gehören: Der Geruch feuchter Erde, die vielen kleinen Tropfen auf den Blättern und zwischen den Heidepflanzen. Tatsächlich freue ich mich schon auf diese Novembertage, an denen der Nebel nicht nur morgens aufzieht, sondern den ganzen Tag über bleibt. Wenn der dichte Schleier bis in die umliegenden Siedlungen zieht und alles einhüllt, bin ich gerne draußen.

Feldnotizen: Auf die Gans gekommen

Vor Kurzem war ich in der Unteren Seeveniederung, einem Natur- und Vogelschutzgebiet in Niedersachsen. Aktuell kann man hier große Ansammlungen von Gänsen antreffen, im Herbst kommen verschiedene Arten an den Rastplätzen zusammen. Die Gemeinschaft bietet ihnen Sicherheit: Während der Großteil frisst oder schläft, halten immer einzelne Tiere Ausschau nach Feinden. Bei meinem Besuch habe ich vor allem Grau- und Nilgänse auf den Wiesen am Steller See gesehen, und auch einige arktische Gäste wie Blässgänse hatten sich darunter gemischt. Für mich eine besondere Begegnung, daher stelle ich dir diese drei Arten heute vor. 

Die Graugans gehört zu den häufigsten heimischen Wildgänsen und ist die Stammform unserer Hausgans. Sie lebt in Parks, auf Feldern und Wiesen und in Feuchtgebieten und hat ein schlichtes graubraunes Gefieder. Im 19. Jahrhundert wurde sie so stark bejagt, dass sie Mitte des letzten Jahrhunderts wiederangesiedelt werden musste. Brutpaare bleiben oft ihr Leben lang zusammen. Man sieht die Vögel häufig in Familienverbänden, die sich zu Großschwärmen zusammenschließen. Viele Graugänse bleiben inzwischen ganzjährig bei uns, während andere Populationen durchziehen oder hier überwintern.

Blässgänse
Blässgänse
Graugans beim "Yoga"
Graugans beim "Yoga"
Nilgans
Nilgans
Blässgänse
Blässgänse
Graugans
Graugans

Die Nilgans kommt ursprünglich aus Afrika und wurde in Europa als Ziervogel gehalten. Als erfolgreiche „Neubürger“ (Neozoen) breiten sich die Nachkommen damaliger Ausreißer heute immer weiter aus. Die Art gilt bei uns als invasiv und kann durch ihr ausgeprägtes Revierverhalten mit einheimischen Wasservögeln in Konflikt geraten. Auffällig sind das fast schon bunte Gefieder mit den dunklen Augenflecken und die langen rosaroten Beine. Auch die meisten Nilgänse bleiben im Winter in Deutschland. Manche verlassen im Herbst allerdings ihre Brutreviere und schließen sich großen Schwärmen an.

Die Blässgans hingegen kommt jetzt aus den arktischen Brutgebieten Russlands und Grönlands zu uns. Häufig ist sie eine der Arten, die wir zur Zugzeit am Himmel sehen. Solche Sichtungen sind für mich besonders, denn Blässgänse brüten nur ausnahmsweise in Deutschland. Die Vögel, die wir hier beobachten, sind in der Regel Durchzügler oder Wintergäste. Zwischen Oktober und März machen sie sich unter anderem bei uns auf Nahrungssuche. Die Blässgans sieht der Graugans ähnlich, doch erwachsene Tiere unterscheiden sich durch die namensgebende weiße Blässe oberhalb des Schnabels und die dunkle Bänderung am Bauch.

Von unterwegs: Mal wieder den Kopf lüften

Oft ist man schneller ‚raus‘, als man denkt. Für eine kleine Auszeit sind wir ins Herzogtum Lauenburg gefahren. Ein Zwischenstopp in Lauenburg an der Elbe – die historische Altstadt mit ihren malerischen Fachwerkhäusern ist einen Besuch wert. Weiter ging es an den Elbe-Lübeck-Kanal. Dort verbrachten wir eine Nacht in einem hölzernen Tiny House mitten auf einer Wiese an einem See. Nebenan gab es sogar ein Sauna-Fass. Bei einem Spaziergang am Kanal und einem Abstecher in den Wald entdeckten wir einige Pilze. Das hat mich gefreut, denn nach dem trockenen Sommer sind mir bisher deutlich weniger als in den letzten Jahren begegnet.

Auch das wechselhafte Wetter hatte seine schönen Seiten. Auf dem Rückweg unserer Runde zog ein kurzer, heftiger Regenschauer auf. Während die Sonne weiterstrahlte, entstand ein wunderschöner Doppelregenbogen über dem Kanal. In der Nacht hörte ich dann wieder die Rufe der Vogelschwärme, die auch hier über uns hinwegzogen. Und zum ersten Mal diesen Herbst war es morgens so richtig kühl und windig. Dabei merkte ich, wie gut die frische Luft tat, um meinen Kopf zu „lüften“. Manchmal bringt auch ein so kurzer Tapetenwechsel neue Inspiration.

Nebenbei: Spinnen im Herbst – neu betrachtet

Ich bin eine große Tierfreundin und mag auch Kleintiere und die meisten Insekten. Aber Spinnen und ich, das war lange keine große Freundschaft. Im Keller stören sie mich nicht, solange wir uns nicht in die Quere kommen. In den Wohnräumen bin ich allerdings weniger tolerant, was achtbeinige Mitbewohner angeht: Dort werden zumindest größere Exemplare nach draußen gebracht. Gerade im Herbst läuft immer mal wieder eins über eine Wand oder den Boden. Doch je mehr ich mich mit ihnen beschäftige, desto faszinierender finde ich sie.

Besonders gruselig sind für mich die großen Winkelspinnen. Mein Problem ist weniger Angst als vielmehr Ekel. Interessant ist aber, dass sie oft gar nicht auf der Flucht vor Kälte sind. Die Männchen machen sich jezt zur Paarungszeit auf die Suche nach Weibchen und laufen dabei auch durch Wohnungen und Häuser. Was für mich wie ein unerwarteter Besuch wirkt, ist für die Spinne einfach die Partnersuche. Und dann sind da noch die Zitterspinnen, die mit ihren hauchdünnen Beinen und lockeren Netzen oft in Zimmerecken sitzen. Solange sie nicht gerade direkt über mir herumturnen, dürfen sie dort auch bleiben.

Spinne im Garten
Auf dem Acker kommt es immer wieder zu Begegnungen
Kreuzspinne
"Henriette"

Was ich noch nicht wusste: Sie fangen nicht nur kleine Insekten, sondern erbeuten auch andere Spinnen – manchmal sogar deutlich größere Winkelspinnen! So zerbrechlich, wie sie aussehen, sind sie also nicht. Für uns Menschen sind sie aber harmlos. Die Zitterspinnen werden übrigens häufig mit Weberknechten verwechselt. Diese findet man allerdings eher draußen. Anders als Zitterspinnen haben Weberknechte einen äußerlich zusammenhängenden Körper statt zwei Körpersegmente. Sie gehören zwar zu den Spinnentieren, sind aber keine Webspinnen und besitzen keine Spinndrüsen, mit denen sie Netze bauen könnten.

Ob ich deshalb jetzt jede Spinne in meiner Wohnung willkommen heiße? Ganz so weit bin ich noch nicht. Aber die Kreuzspinne, die wochenlang vor unserem Küchenfenster wohnte (außen wohlgemerkt), habe ich Henriette getauft und jeden Morgen begrüßt. Ich sehe sie inzwischen mit anderen Augen und finde sie wirklich interessant. Und manchmal ist genau das ein schöner Nebeneffekt, wenn man sich näher mit der Natur beschäftigt, oder?

Heideblüte

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