Wenn Tausende Kraniche mit ihren weithin hörbaren Rufen ein Moor erfüllen, ist das ein Erlebnis, das in Erinnerung bleibt. Mit Einbruch der Dämmerung fliegen ganze Schwärme zu ihren Schlafplätzen ein. Wer dieses Naturschauspiel einmal erlebt hat, versteht schnell, warum Zugvögel uns seit jeher faszinieren. Und wer sich auf ihre Spuren begibt, kann für einen Moment in ihre Welt eintauchen.
Dieser Streifzug nimmt dich mit zu den Kranichen ins Tister Bauernmoor und auf eine Fahrt mit dem „Vogelkieker“ durch die Elbmarschen. Die Feldnotizen stellen den Kranich dann etwas genauer vor. Außerdem geht es zum Saisonende noch einmal um unseren Acker, der uns vor der Winterruhe noch eine reiche Kohlernte beschert hat.
Die Streifzüge führen hinaus in die Natur und erzählen von dem, was mir draußen begegnet und mich unterwegs zum Nachdenken bringt. Ich blicke auf Veränderungen in der Landschaft, besondere Erlebnisse und die vielen kleinen Geschichten, die sich dazwischen finden lassen.
Von unterwegs: Im Tister Bauernmoor – wo die Kraniche schlafen
Es ist stockfinster und regnet. Ich leuchte mit der Taschenlampe auf den sumpfigen Weg vor mir, auf dem jeder Schritt ein leicht schmatzendes Geräusch verursacht. Gräser ragen von links und rechts in den Lichtkegel, dann tauchen seltsam langgezogene Schatten auf. Sie gehören zu den Bäumen am Wegesrand, hinter denen kleine Wasserflächen wie schwarze Löcher aufblitzen. Bei Tageslicht präsentiere sich diese Landschaft gestern in leuchtend bunten Herbstfarben, doch davon ist jetzt noch nichts zu sehen. Die Sonne wird erst in einer Dreiviertelstunde aufgehen, oder zumindest sollte es dann etwas heller werden. Die angesagten vier Prozent Regenwahrscheinlichkeit scheinen mich auszulachen. Warum mache ich das hier schon wieder?
Ich wandere früh morgens durch das Tister Bauernmoor im Landkreis Rotenburg (Wümme). Während ich mich den Vogelbeobachtungsplattformen nähere, steigt der Geräuschpegel an. Die Gänse und Kraniche sind natürlich schon wach, die ersten starten bereits. Die meisten von ihnen verbringen nur die Nacht im Moor und fliegen tagsüber zur Futtersuche auf die umliegenden Felder. Während der Herbstzugzeit sammeln sie sich hier zu Tausenden und schlafen auf den Wasserflächen, geschützt vor ihren Fressfeinden. Das Tister Moor ist einer der bedeutendsten Kranichrastplätze in Norddeutschland. Jeden Morgen und jeden Abend gibt es dann ein großes Spektakel, wenn all die Vögel unter lauten Trompetenrufen und Geschnatter ausfliegen oder wieder zurückkehren.
Kurz vor meinem Ziel schwillt das bisherige Hintergrundrauschen so stark an, dass ich mich kurz frage, ob Vögel allein wirklich diese Geräuschkulisse verursachen können. Offensichtlich ja: Schon erhebt sich ein großer Schwarm im Dämmerlicht und zieht tosend über meinen Kopf hinweg. Dieses Schauspiel wiederholt sich in der nächsten Stunde mehrfach. Was für ein überwältigender Anblick, welch ein Zauber, was für eine faszinierende Dynamik – kaum in Worte zu fassen. Anfangs ist es noch zu dunkel zum Fotografieren, und auch wenn es langsam heller wird, bleibt es regenverhangen. Die schlechte Sicht, das Anreise-Chaos von gestern, was soll’s. Denn ich erinnere mich: Genau für diese Momente bin ich hier.
Gestern Nachmittag tuckerte ich bereits mit der kleinen Moorbahn bis zum Turm und durfte das abendliche Spektakel verfolgen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang waren zwar schon viele Gänse, aber noch kaum Kraniche da. Dafür gerieten die Vogelbegeisterten ganz aus dem Häuschen, als zunächst zwei, dann vier und schließlich bis zu acht Seeadler gleichzeitig zu beobachten waren. Mit der einbrechenden Dunkelheit kamen dann auch die Kraniche, um sich im Wasser zu verteilen. Schon bei meinem ersten Besuch vor sechs Jahren stand fest: Hierher wollte ich unbedingt zurückkehren. Und ich muss sagen, trotz der widrigen Umstände war der morgendliche Besuch sogar fast noch beeindruckender als das abendliche Schauspiel.
Wenn du mehr über das Tister Bauernmoor erfahren möchtest, lies gerne mal in meinen Artikel dazu rein. Er ist von 2020, alle relevanten Infos habe ich aber gerade aktualisiert.
Feldnotizen: Der Kranich
Mit „Kranich“ meinen wir meist den Grauen oder Eurasischen Kranich. Er ist die einzige regelmäßig in Deutschland vorkommende Kranichart und gehört zu unseren größten heimischen Vögeln. Viele Kulturen schreiben Kranichen eine besondere Bedeutung zu: So sind sie beispielsweise ein Symbol für Glück, Frieden, Weisheit oder Treue. Bestimmt hast du im Herbst auch schon einmal die trompetenartigen Rufe vom Himmel vernommen oder die typischen V-Formationen gesehen. Zwischen September und November ziehen viele Kraniche aus dem Norden und Osten Europas über Mitteleuropa nach Südwesten, häufig bis nach Südfrankreich und Spanien. Immer mehr von ihnen überwintern inzwischen aber auch weiter nördlich, teilweise sogar in Deutschland.
Zu den bekanntesten Rastplätzen zählen die Mecklenburgische Seenplatte und die Rügen-Zingster Boddenlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern, die Diepholzer Moordniederung in Niedersachsen und das Rhinluch bei Linum in Brandenburg. Zum Schutz vor Bodenfeinden schlafen Kraniche bevorzugt stehend im flachen Wasser. Wie du nach meinem Bericht oben erahnen kannst, ist es wirklich eine großartiges Erlebnis, mehrere Hundert oder sogar Tausende dieser Vögel zu beobachten. Besonders interessant wird es zur Paarungszeit: Während der Balz, aber manchmal auch außerhalb davon, führen Kraniche beeindruckende Tänze auf. Dazu gehören ausdrucksstarke Sprünge und das Ausbreiten der Flügel. Die Tänze dienen nicht nur der Partnersuche, sondern stärken auch soziale Bindungen.
Auf dem Herbstzug fliegen die jungen Kraniche mit ihren Eltern mit. Wer genau hinhört, erkennt ihre helleren Stimmen innerhalb einer Gruppe. Mit ihren markanten Rufen verständigen sich die Vögel auch über mehrere Kilometer hinweg. Familienverbände bleiben während des Zugs und häufig auch im Winter zusammen. Dank intensiver Schutzmaßnahmen haben sich die Bestände in Deutschland und Europa erholt. Der Kranich gilt bei uns inzwischen als ungefährdet. Dennoch macht ihm der Verlust von Lebensräumen zu schaffen. Durch die Entwässerung von Mooren und andere Eingriffe schwinden traditionelle Brut- und Rastplätze. Umso wichtiger sind Maßnahmen wie Ruhezonen rund um Brutplätze und eine gezielte Besucherlenkung in Rastgebieten. Denn Kraniche sind gerade dort sehr störungsempfindlich.
Auf Tour: Ausfahrt mit dem "Vogelkieker"
Wir bleiben beim Thema Zugvögel. Von einem Beobachtungsturm Vögel zu sichten, ist das eine. Aber wie wäre es mal mit einer Beobachtungsstation auf Rädern? Der „Vogelkieker“ ist ein Doppeldeckerbus mit Glasdach, der durch die Elbmarschen zwischen Stade und Cuxhaven rollt und Interessierte direkt zu Rastplätzen von Gänsen, Enten und Co. bringt. Das Kehdinger Land ist nicht nur EU-Vogelschutzgebiet, sondern auch ein „Feuchtgebiet internationaler Bedeutung“, in dem sich im Frühling und Herbst regelmäßig Zehntausende Zugvögel zur Rast versammeln. Diese lassen sich aus dem Bus beobachten, der verschiedene Orte rund um Freiburg an der Elbe ansteuert. Ende Oktober habe ich eine Tour mitgemacht.
Der Bus selbst ist liebevoll gestaltet. An Bord kann man Ferngläser ausleihen. Oben befinden sich 50 Sitzplätze, im Unterdeck gibt es einen Rollstuhlplatz. Das Glasdach war allerdings wider Erwarten nicht durchsichtig, mit etwas Kraft ließen sich aber immerhin die Seitenfenster öffnen. Da der Bus oben nicht beheizt wird, sollte man in der kalten Jahreszeit an warme Kleidung denken. Wir waren zweieinhalb Stunden unterwegs, mit mehreren Stopps und Ausstiegen an interessanten Plätzen. Dabei sahen wir eine Menge Weißwangengänse, Brandgänse und Kanadagänse, Stockenten, Kiebitze, Pfeifenten und Stare. Auch ein paar Reiher, Fasane und andere Arten zeigten sich. Am neugierigsten reagierten die Rinder auf den Weiden: Sie liefen teilweise direkt neben dem Bus her. Definitiv mal eine andere Art, Tiere zu beobachten!
Vom Acker: Kohltage zum Saisonende
Die Gartensaison ist vorbei und auf dem Acker kehrt die Winterruhe ein. Zum Schluss haben wir noch alles geerntet, was übrig war: Pastinaken, die jetzt wie die Kartoffeln im Sandeimer im Keller lagern, und ein paar letzte Maiskolben und Mini-Auberginen. Vor allem die verschiedenen Kohlsorten sind bis zuletzt üppig gewachsen, sodass bei uns aktuell viel Kohl auf den Tisch kommt und haltbar gemacht wird. Das reicht von Rotkohlsalat über gebackenen Rosenkohl bis zu Wirsing-Rouladen. Zudem haben wir Grünkohl eingekocht, Palmkohl eingefroren und Kimchi zum Fermentieren angesetzt.
Wir sind dankbar für dieses tolle Gartenjahr mit seiner reichen Ernte und haben wieder viel Neues entdeckt und ausprobiert. Im Winter geht es an die Planung für die nächste Saison. Bis dahin sagen wir: Danke und bis zum Frühjahr.
